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Benutzername: hasirasi2
Wohnort: Dresden
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Insgesamt 363 Bewertungen
Bewertung vom 19.02.2019
Das Seehospital
Glaesener, Helga

Das Seehospital


ausgezeichnet

Frida studiert 1920 gegen den Willen ihrer Familie in Hamburg Medizin. Ihr Großvater, das Familienoberhaupt, hat ihr deswegen sogar den Geldhahn zugedreht. Als er stirbt fährt Frida zur Beerdigung nach Hause nach Amrum – obwohl sie die Enge, Einschränkungen und Konventionen auf der Insel hasst. Eigentlich will sie schnell zurück nach Hamburg, aber dann erklären ihre Mutter und ihr Stiefvater, dass das Erbe ihres Großvater viel kleiner ausfällt als erwartet – sie müssten das Inselhospital schließen, welches ihr Großvater für lungenkranke Waisenkinder errichtet hat. Das wollen Frida und ihre Schwestern Louise und Emily vermeiden, denn in Hamburg herrschen schlimme Zustände, die Kinder kamen halb verhungert aus dem Waisenhaus bei ihnen an. Da das Personal bereits entlassen wurde, kümmern sich die drei jungen Frauen um die Kinder, bis ihnen hoffentlich eine bessere Lösung einfällt. Frida pausiert sogar mit ihrem Studium.

Frida, Louise und Emily sind sehr verschieden. Frida wirkt oft kühl und diszipliniert, aber sie brennt für die Medizin und will unbedingt Ärztin werden. Alles Neue, wie z.B. die Röntgenuntersuchungen, fasziniert sie. Sie will den Menschen helfen und scheut sich nicht, auch andere um Hilfe zu bitten.
Die kecke Louise hat noch keinen Plan für ihr Leben, liebt aber Amrum und will auf jeden Fall hierbleiben. „... spürst Du nicht auch die Freiheit? Ein Blick übers Meer und Du kommst zur Ruhe.“ (S. 68) Sie träumt von einer Ehe aus Liebe. Als ihre Mutter ihr vorschlägt, einen 50jährigen Jagdfreund ihres Vaters zu heiraten, verschwindet sie. Hat sie sich etwas angetan?
Emily träumt vom eigenen Fotoatelier in Hamburg oder Berlin, ordnet sich aber dem Willen ihrer Mutter und ihres Stiefvaters unter – schließlich geht nichts über die Familie. Nicht einmal das eigene Glück? „Einer muss doch dafür sorgen, dass alles weiterläuft.“ (S. 253)
Christian, der Halbbruder der Schwestern, ist erst 13, sehr verzogen und wird permanent bevorzugt. Er war mir extrem unsympathisch, weil er eine widernatürliche Freude daran hatte, hilflose Tiere und schwächere bzw. kleinere Kinder zu quälen. Ihm hätte ich mehrfach gern „den Hosenboden stramm gezogen“.
Luises Mutter ordnet sich ihrem Mann komplett unter – was er sagt ist Gesetz und wird nicht hinterfragt. Auch das Wohl ihrer Töchter scheint ihr leider nicht wirklich am Herzen zu liegen. Hauptsache, der schöne Schein wird gewahrt. Ich konnte ihre Beweggründe nicht immer verstehen, aber sie war als Figur trotzdem in sich stimmig.
Rudolf, der Stiefvater, tut nach außen so, als würde ihm die Familie über alles gehen, dabei will er nur nicht seinen Lebensstil aufrechterhalten. Er war mittellos und ist erst durch die Hochzeit zu Geld gekommen ...

Das Setting ist in sich stimmig. Die Autorin beschreibt die gegensätzlichen Lebensweisen auf der rauen Insel und der vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Großstadt, von arm und reich sehr bildlich. Sie geht auch auf die Zustände in den Hospitälern und Waisenhäusern ein, die zum Teil erschreckenden Behandlungs- und Forschungsmethoden, das Elend in den Gängevierteln und die sich verbreitenden Heroinsucht so kurz nach dem 1. WK.

„Das Seehospital“ hat mir sehr gut gefallen. Helga Glaesener beweist wieder einmal, dass sie eine ganz große Könnerin ihres Fachs ist. Ihr Buch hebt sich positiv von der Masse der „Insel-Arzt-Romane“ ab. Sie verwendet keine stereotypen Charaktere, die Personen und deren Handlungen passen genau in die damalige Zeit. Sie erspart ihren Lesern vorhersehbare Liebesgeschichten und unnötige Happy Ends. Es muss nicht alles gut ausgehen, das tut es im wirklichen Leben doch auch nicht.

Bewertung vom 18.02.2019
Der Fall Fontane
Wilkes, Johannes

Der Fall Fontane


ausgezeichnet

Karl-Dieter hat seinen Lebensgefährten Mütze endlich zu einer Fahrradtour auf Fontanes Spuren durch die Mark Brandenburg überreden können, allerdings endet die Tour schon am ersten Tag auf dem Ribbecker Friedhof unterm Birnbaum. Dort finden sie eine männliche Leiche mit einer Axt im Schädel. Mütze ist Hauptkommissar und bietet dem zuständigen Polizisten Treibel sofort Amtshilfe an, denn er ermittelt lieber, als dass er Fahrrad fährt. Kurz darauf finden sie auf dem Handy des Toten das Foto eines geköpften Wolfes, in Neuruppin wird das Fontane-Denkmal mit roter Farbe geschändet und ein Mann im Fontanekostüm kreuzt mehrfach ihren Weg ...

Diverse Verdächtige sind schnell ermittelt. Sowohl die Frau des Toten, die nicht wirklich trauert, als auch dessen Jagdfreunde verhalten sich merkwürdig. Musste er sterben, weil er nach dem Wolfsmörder suchte? War er seiner Ehefrau im Weg? Oder hängt es gar mit Fontanes Geheimnis zusammen, das in der Forschung lange totgeschwiegen wurde?!

Mütze und Karl-Dieter sind ein liebenswertes Pärchen. Ich finde es gut, dass der Autor hier ganz ohne die üblichen Schwulenklischees auskommt. Während sich der Kommissar in die Ermittlungsarbeit stürzt, genießt sein Freund weiter den geplanten Urlaub. Dass er dabei einige Leute aus dem Umkreis des Toten kennenlernt, die zum Teil auch noch in den Fall involviert sind und ihm (un)bewusst wichtige Hinweise geben, ärgert Mütze besonders. Aber Kurt-Dieter hat eben etwas Sympathisches an sich und schließt schnell neue Freundschaften. Während Mütze ein eher praktischer Typ ist, neigt Karl-Dieter zum Philosophieren und kommt damit auch der Lösung oft ziemlich nahe.

2019 jährt sich Fontanes Geburtstag zum 200sten Mal. Der Krimi kommt also genau zur richtigen Zeit. Außerdem man merkt ihm an, dass sich der Autor auf diesem Gebiet und auch in der Mark Brandenburg sehr gut auskennt. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass es sich eher um einen Cosy-Krimi handelt, der von den Figuren und dem Setting lebt und nicht von einem super gruseligen / spannenden Fall.

Ich kenne die Gegend um Rheinsberg, Neuruppin und den Ruppiger See vom Wasserwandern und bekam beim Lesen sofort wieder Lust auf eine Reise in diese Gegend. Wer sich (bisher) nicht mit Fontane auskennt, erfährt im Zuge der Handlung und im Anhang viel Wissenswertes über sein Werk und sein Leben.

Bewertung vom 18.02.2019
Die Fliedertochter
Simon, Teresa

Die Fliedertochter


ausgezeichnet

Zwei Leben – Zwei Welten

1936 geht die aufstrebende Varieté-Sängerin Luzie von Berlin nach Wien. Eigentlich träumt sie von einer Karriere beim Film, aber die Halbjüdin fühlt sich nach dem Erstarken des Nationalsozialismus nicht mehr sicher. Ihr Großvater schenkt ihr zum Abschied ein Tagebuch. Diesem vertraut sie ihre Sorgen und Ängste an, ihr Heimweh und ihre Träume – und die Gefühle, die sie bald für die Freunde Bela und Richard hegt.
Luzie hat Glück und bekommt ein Engagement im „Theater an der Wien“. Dieses ist ein Sammelbecken für viele Künstler, die wie sie Nazi-Deutschland verlassen mussten. Dass sie Halbjüdin ist, hat bisher dank ihrer geschönten Biografie noch niemand herausbekommen – aber wie lange geht das noch gut? Und bringt sie damit nicht auch die, die sie decken in Gefahr?

Berlin 2018: Paulina wird von ihrer „Ersatzoma“ Antonia (kurz Toni) gebeten, an ihrer statt nach Wien zu fahren. Toni hat einen beunruhigenden Brief von einer Lena Brunner bekommen, deren Vater Peter Matusek ausgerechnet ihr etwas hinterlassen hat. Toni ist irritiert, weil sie noch nie von ihm gehört und auch sonst keine Verbindung nach Wien hat. Aber Peter hat eine klare Anweisung hinterlassen: Lotte Laurich, Berlin, Unbedingt suchen. Tochter Antonia Laurich, geboren 1943.“ (S. 41)

„Die Fliedertochter“ ist bereits der vierte Roman von Teresa Simon und hat mich wieder von Beginn an in seinen Bann gezogen.
Paulina ist eine interessante Frau, eine Künstlerin, die nicht viel von sich preisgibt. „Auf der Suche. Kunst hilft mir dabei, egal, in welcher Form. Sie zu erleben, ist für mich wie Atmen, ein tiefes Inhalieren, so lange, bis ich satt bin.“ (S. 26) Ihre Reise nach Wien ist eigentlich nur als kurze Auszeit gedacht, in der sie u.a. ihre Beziehung zu ihrem On-/Off-Freund überdenken will. Aber als sie beginnt, Luzies Tagebuch zu lesen, rücken die Rückreise, ihre eigenen Sorgen und Probleme bald in den Hintergrund. Vor allem als sie feststellt, dass sie und Luzie eine Gemeinsamkeit haben – eine Schneekugel vom Wiener Prater aus den Jahren 1936 bzw. 1938. „Geheimnisse haben ihren ganz eigenen Reiz, findest Du nicht?“ (S. 103)
Genau wie Paulina hat auch mich Luzies Geschichte sofort gepackt. Ich habe mit ihr gelitten, mich um ihre Großeltern gesorgt, die sie nur ungern zurückgelassen hat. Die Schuldgefühle deswegen überrollen sie an manchen Tagen. Dann kommt der „Beitritt“ Österreichs zu Deutschland – Luzies Angst um ihre gefälschte Identität flackert erneut auf, sie zieht sich zurück. Aber sie beweist auch immer wieder Mut – zum Teil leider ohne vorher richtig darüber nachzudenken, was ihr dann beinahe zum Verhängnis wird.

Ich habe schon viele Bücher über die Nazis und den 2. WK gelesen (auch Teresa Simon thematisiert diese Zeit in allen ihren Büchern), trotzdem war ich wieder erschüttert, was die Juden und anderen „Asozialen“ – Homosexuelle, Behinderte, Zigeuner etc. – erdulden mussten. Die sogenannten „Herrenmenschen“ herrschen nicht nur durch brutale Gewalt, Teresa Simon erzählt auch von Euthanasie und der Zwangssterilisation einer jungen Frau – an dieser Stelle ist mir fast das Buch aus der Hand gefallen und auch jetzt bekomme ich bei der Erinnerung daran sofort wieder eine Gänsehaut.

Doch auch die Fans von Liebesgeschichten kommen bei „Der Fliedertochter“ auf ihre Kosten. Neben der Schneekugel gibt es nämlich noch eine weitere Parallele zwischen Luzie und Paulina – beide fühlen sich zu je 2 Männern hingezogen und müssen sich entscheiden.
Und nicht zuletzt versteht es die Autorin, sehr viel Wiener Flair und Schmäh in beiden Strängen ihrer Geschichte zu transportieren. Ich war vor 30 Jahren schon mal in Wien und möchte nach dem Buch jetzt unbedingt mal wieder hin.

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.02.2019
Marlene und die Suche nach Liebe
Gortner, C. W.

Marlene und die Suche nach Liebe


ausgezeichnet

Wer war Marlene Dietrich?

Diese Frage versucht C. W. Gortner mit seinem Roman „Marlene und die Suche nach Liebe“ zu beantworten. Ich muss zugeben, ich wusste nicht viel über „die Dietrich“, kannte ihren Film „Der blaue Engel“ und das Lied „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, hatte sofort ihr Erscheinungsbild im Kopf und ihre markante Stimme im Ohr. Zufällig habe ich erst vor kurzem gelesen, dass sie eine Schwester hatte und sich im 2. WK gegen die Nazis stark machte. Sie war eine Frau, die Eindruck hinterließ. „Dich kann man nicht verlassen, Marlene, weil man Dich nicht vergessen kann.“ (S. 195).

Dabei sollte sie nach dem Willen ihrer perfektionistischen und alles kontrollierenden Mutter eigentlich Konzertgeigerin werden. „ ... wenn man echtes Talent besitzt, kann man fast alles erreichen. ... Möchtest du dein Leben selbst bestimmen oder soll das Leben über dich bestimmen?“ (S. 65) Aus einer Uhrmacherdynastie stammend und früh verwitwet, stellt sie an Marlene (eigentlich Marie Magdalene Dietrich) und deren ältere Schwester Liesel höchste Ansprüche und war fast nie mit ihnen zufrieden.

Marlene beginnt ihre Karriere ganz unten, spielt in Filmorchestern, tritt in zwielichtigen Revuen und Kabaretts auf, macht Werbefotos, besucht eine Schauspielschule. Sie hat etwas, was Männer und Frauen gleichermaßen anzieht. „Du bist keine Frau. Du bist ... du bist irgendwas anderes.“ (S. 313) Sie legt sich bei ihren Affären nicht auf ein Geschlecht fest. Marlene liebt bestimmte Menschen – ihr ist egal ob das dann ein Mann oder eine Frau ist. Eines Tages spricht sie der Aufnahmeleiter Rudolf Sieber an und vermittelt ihr die erste Nebenrolle. Monatelang wirbt er um sie, schließlich heiraten sie und bekommen eine Tochter – Heidede. Doch Marlene will keine Hausfrau und Mutter sein, sie will berühmt werden! Ihr Mann und ihre Tochter bleiben dabei auf der Strecke.

Man merkt dem Buch an, dass es ein Mann geschrieben hat. Die Sexszenen sind sehr explizit beschrieben – aber Marlene benahm sich anscheinenden sowieso eher wie ein Mann als wie eine Frau. Sie bevorzugte Anzüge, hatte ein großes Selbstbewusstsein, ließ sich von kaum jemanden etwas sagen, wollte über ihre Rollen und Kostüme selbst bestimmen. Dezidiert zählt er auf, wann sie mit wem welchen Film gedreht hat und was dabei alles passiert ist – an diesen Stellen glich das Buch eher einer Biografie als einem Roman.
Gortner schreibt in der Ich-Perspektive, lässt Marlene ihren Aufstieg und die Rückschläge selbst erzählen, von ihren dauernden Hungerkuren und Sportexzessen, um ja dünn genug zu sein. Trotzdem bekam ich keinen wirklichen Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen, fühlte mich beim Lesen von ihrem Leben ausgeschlossen. Marlene kommt nicht besonders sympathisch rüber. Ich hatte das Gefühl, sie suchte keine Liebe, sondern Leidenschaft und Sex, Erfolg und Geld.
Aber ich war fasziniert, mit welchen Berühmtheiten sie verkehrte und was sie im 2. WK geleistet hat, darüber hätte ich gern mehr gelesen. Etwas schade fand ich, dass das Buch 1946 endet, als ihre große Zeit beim Film vorbei ist. Auch über ihre Beziehungen zu Menschen wie Hemingway, Remarque oder Wells hätte ich gern mehr erfahren.
Auch wenn ich keinen richtigen Zugang zu Marlene bekommen habe, beschreibt Gortner die Zeit, Orte und Filmbranche sehr lebendig, die miesen Absteigen, in denen Marlene wohnt, die windigen Clubs und Flüsterkneipen, die Amüsierlokale und Transvestiten-Shows, die homosexuelle Szene und ihre Erkennungszeichen.
„Ich bin immer noch Lena. Die Dietrich ist eine Illusion. Nichts als gutes Licht und Schminke.“ (S. 325)

Bewertung vom 12.02.2019
Unsere besten Waffeln
Pluppins, Benjamin; Pluppins, Theres

Unsere besten Waffeln


ausgezeichnet

Geht es Euch auch so, dass Euer Waffeleisen meist nur im Schrank verstaubt? Dabei gehen Waffeln schnell, sind lecker, sehen gut aus und machen satt. Dieses Kochbuch eines Foodblog-Paares zeigt sehr unterschiedliche und vielseitige Rezepte, sodass sowohl die Zuckergoscherln als auch herzhaften Leckermäuler ihr neues Lieblingsrezept finden sollten.
Für alle Neulinge gibt es zu Beginn Tipps und Tricks, was warum schiefgehen könnte und wie man genau das vermeidet. Ich finde es gut, dass sie auch erwähnen, dass ein Waffeleisen nicht zwingend teuer sein muss – das Backergebnis zählt.

Besonders gefallen hat mir, dass im Buch neben Klassikern viele neue, zum Teil sehr ausgefallene Rezepte zu finden sind. Seien es Bienenstich-, Churro-, Brioch- oder Zucchiniwaffeln. Besonders ausgefallen sind die Kartoffelwaffeln, für die man einfach den restlichen Kartoffelbrei vom Vortag verwenden kann, und die Macaroni and Cheese-Waffeln, die wirklich aus Nudeln und Käse bestehen. Es gibt aber auch Low-Carb, gluten- und fettfreie Rezepte.

Eines unserer Highlights sind die Orangenwaffeln. Der Clou dabei ist die selbstgemachte schnelle Orangenmarmelade aus frischen Orangen, die zuerst karamellisiert und dann mit einer ordentlichen Portion Orangelikör abgelöscht werden.
Meinem Mann schmecken die Sirupwaffeln mit Zwiebeln und Bacon am besten. Auf die Idee, Waffeln mit Ahornsirup und Schinken zu kombinieren, waren wir bis dato noch nicht gekommen.

5 Waffeln und unsere Nachkochempfehlung für dieses tolle Buch.

Bewertung vom 29.01.2019
Nächte, in denen Sturm aufzieht
Moyes, Jojo

Nächte, in denen Sturm aufzieht


sehr gut

Kathleen ist 76 und betreibt in Silver Bay (Australien) eine kleine Familienpension, die ihre beste Zeit längst hinter sich hat: „Es stand da wie ein schweigendes Mahnmal einer längst vergessenen Zeit.“ (S. 376). Berühmt geworden sind Kathleen und das Hotel vor vielen Jahren, als sie mit 17 einen riesigen Ammenhai fing.
Silver Bay ist in winziger, abgeschiedener Ort am A* der Welt und schon etwas heruntergekommen. Hier macht man nur Urlaub, wenn man seine Ruhe sucht oder eine der berühmten Delphin- oder Walsichtungsfahrten machen will. Solche Touren bietet auch Kathleens Nichte Liza an, die mit ihrer 10jährigen Tochter Hannah bei ihr lebt. Liza und Hannah sind vor Jahren völlig verstört in Silver Bay angekommen. Seit dem scheint sich Liza hier vor der Welt zu verstecken, gefangen in einem Schmerz, an dem sie ihre Umwelt nicht teilhaben lässt. Nur ganz wenige wissen, was sie hierher verschlagen hat.

Eines Tages mietet sich der Engländer Mike bei Kathleen ein. Er passt zwar eigentlich nicht zu ihnen, aber seine ruhige Art nimmt die Anderen schon bald für sich ein, er gehört quasi zur Familie. Vor allem Hannah schwärmt für ihn, da er ihr seinen Laptop und damit das Internet zugänglich macht. Sie ist sehr klug und wissbegierig, verblüfft Mike immer wieder mit ihrem Wissen über die Meeressäuger. Auch Liza öffnet sich ihm langsam. Doch dann kommt heraus, warum Mike in Silver Bay ist und alles ändert sich „Für ein stilles Wasser haben Sie hier ganz schön für Aufruhr gesorgt.“ (S. 234)

„Nächte, in denen Sturm aufzieht“ ist ganz anders als die bisherigen Bücher von Jojo Moyes. In überwiegend ruhigen Bildern schildert sie das Leben der Leute an diesem einsamen Fleckchen der Erde. Silver Bay liegt in einer geschützten Bucht, die regelmäßig von Delphinen besucht wird. Draußen im offenen Meer ziehen schon immer Wale auf ihrer Migrationsroute vorbei. Die Bewohner bezeichnen sich selber als „Waljäger“, die Tiere sicher(te)n ihren Lebensunterhalt. Früher haben sie die Tiere geschlachtet, heute fahren sie Besucher zu Besichtigungen raus.

Die Protagonisten mochte ich sehr, sie hallen immer noch in mir nach. Kathleen ist eine gestandene Frau mit einer rauen Schale, aber einen weichen Kern. Sie hat Liza damals ins Leben zurückgeholt und ihr durch die Walfahrten einen weiteren Sinn gegeben, denn auf dem Wasser fühlt sich Liza frei. Doch Liza zieht sich immer noch oft zurück, sie hat nie verwunden (sich nie verziehen) was damals passiert ist. Ihre Tochter Hannah nimmt darauf Rücksicht und steckt regelmäßig zurück, wird dafür aber von den anderen Walfängern verhätschelt – sie alle sind ihre Familie. Mike ist ein sehr rationaler Mensch und war noch nie richtig verliebt. Eigentlich kommt er zum Arbeiten nach Silver Bay, aber dann verliebt er sich in den Ort und die Menschen und wirft alle Pläne um.

Ich kann mir das Buch sehr gut als Film vorstellen – wenn ich an die Bilder mit den Walen und Delphinen denke und an Lizas Geschichte, die sich dem Leser nach und nach offenbart, bekomme ich Gänsehaut. Leider war mir das Buch an einigen Stellen zu ausufernd (würde bei einer Verfilmung ja aber gestrafft werden). Die Autorin bringt z.B. viele geschichtliche und wirtschaftliche Hintergründe zum Walfang in Australien unter, das ist zwar interessant, aber für die Handlung nicht notwendig. Trotzdem fand ich den Aspekt von Natur- und Tierschutz, unser Umgehen mit der Umwelt, unsere Verantwortung diesbezüglich sehr interessant.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.01.2019
Die Sommer meines Lebens
Valpy, Fiona

Die Sommer meines Lebens


ausgezeichnet

Gefühlsachterbahn

„Bitte, Kendra. Mir läuft die Zeit davon. Würdest Du meine Geschichte aufschreiben, bevor es zu spät ist, bevor ich alles vergesse und niemand mehr da ist, der es erzählen kann?“ (S. 18) bitte Ella ihre Enkelin. Dabei hat diese selbst genug Probleme. Ihr Mann Dan findet nach seiner Entlassung keine neue Arbeit und ihr autistischer Sohn Finn belastet ihre Beziehung extrem: „Es fühlt sich an, als würde jeder von uns in einem Meer voller Sorgen ertrinken und wäre nicht in der Lage, den Arm auszustrecken und den anderen ans rettende Ufer zu ziehen.“ (S. 13) Doch Ella hat vorgesorgt und ihre Erinnerungen auf Band gesprochen, zudem gibt sie ihr Foto-Alben und Briefe mit. Kendra ist schnell von ihrer Vergangenheit gefesselt und stellt fest, dass sie kaum etwas über das Leben ihrer Großmutter wusste.

Ella verbringt den Sommer 1938 auf der Île de Ré bei einer Freundin ihrer Mutter. Deren Zwillinge Christophe und Caroline sind im gleichen Alter wie sie. Das Trio versteht sich sofort, aus Ella und Christophe wird ein Paar. Dieser erste gemeinsame Sommer, ihre erste große Liebe ist wie ein Traum. Sie leben auf der Insel wie in einer Blase, lassen die Welt, das Kriegstreiben außen vor. Sie genießen den Moment und schmieden Zukunftspläne. „... in jenem Sommer verliebte ich mich in das Leben selbst, ... nicht nur in die Insel und die Familie ..., sondern in die Möglichkeiten und die Hoffnung, die das Leben in sich birgt. Auf einmal ahnte ich, was das Leben sein könnte.“ (S. 55) Als Ella im Herbst zurück nach Edinburgh muss verspricht sie, dass sie im nächsten Sommer wiederkehrt.
1939 besucht Ella die Zwillinge in Paris. „In diesem Sommer in Paris lagen Normalität und eine wachsende Beunruhigung dicht beieinander.“ (S. 99) Sie hat ihre Ausbildung beendet und will sich eine Arbeit in Christophes Nähe suchen, doch da bricht der Krieg aus und sie muss nach Hause. Ab da beginnt ein Auf und Ab der Gefühle, ein Hoffen, Bangen und Sehnen, dass der Krieg bald vorbei ist und sie sich gesund wiedersehen, endlich ihr gemeinsames Leben beginnen können.

Ohne zu viel zu verraten möchte ich erwähnen, dass Ellas Geschichte nicht 1945 endet, also keine reine Kriegs-(Liebes-)erzählung ist.
Außerdem bringen Ellas Erinnerungen Kendra dazu, über ihr eigenes Leben und ihre Ehe, die Schwierigkeiten mit Finn nachzudenken. Sie macht ihr klar, dass sie sich nicht zwischen der Liebe zu Dann und Finn entscheiden muss und nie das Gute übersehen soll.

„Die Sommer meines Lebens“ ist ein extrem berührendes Buch, eine wahre Gefühlsachterbahn für Ella, aber auch Kendra und den Leser.

Bewertung vom 07.01.2019
Tod am Aphrodite-Felsen / Sofia Perikles Bd.1
Kostas, Yanis

Tod am Aphrodite-Felsen / Sofia Perikles Bd.1


gut

Bonjour tristesse

... denkt Sofia, als sie in Kato Kautrafas ankommt. Das verwöhnte Diplomatentöchterchen sollte eigentlich als Junior Security Advisor im Innenministerium von Zypern arbeiten, aber durch eine politische Intrige landet sie als Junior Officer in diesem verfallenen Kaff. Es gibt nicht mal ein Polizeirevier, sondern nur einen versifften Container mitten auf dem Dorfplatz. Ihr Chef ist der abgehalfterten Chief Inspector Kostas Karamanalis, der den ganzen Tag säuft, raucht und spielt und sie so schnell wie möglich wieder loswerden will. „Glauben sie mir, hier in Kato Koutrafas ist jeder nur aus Versehen.“ (S. 26) Und während Sofia noch überlegt, wie sie in ihr altes Leben zurückkehren kann, stolpert sie über einen Autounfall mit 2 Toten, der ihrer Meinung nach keiner war ...

„Tod am Aphroditefelsen“ ist der erste Fall einer neuen Reihe um Sofia Perikles. Leider konnte er mich nicht durchgängig fesseln. Die ersten zwei Drittel des Buches wirken eher wie ein Reiseführer, als ein Krimi. Zypern und seine spezielle Stellung als zweigeteilte Insel werden aus verschiedenen Richtungen beleuchtet, dazu bekommt man Tipps zu Städten, Landschaften, Stränden, Sehenswürdigkeiten und den zyprischen Spezialitäten. Das ist zwar interessant, vor allem, wenn man so wie ich nichts über Zypern weiß, und die Fakten sind auch alle irgendwie in die Handlung eingebunden, aber es passiert einfach zu wenig. Dafür überschlägt sich die Handlung dann im letzten Drittel und nimmt extrem an Fahrt auf.

Mit Sofia bin ich nicht richtig warm geworden. Sie war mir zu Beginn sehr unsympathisch, überheblich und überkandidelt. Die Arbeit als einfache Polizistin und das Dorf sind unter ihrer Würde. Da macht sie doch lieber mit ihren reichen Freunden von früher ordentlich Party und schmachtet Christos an, den gutaussehenden Sohn ihrer Vermieter. Und urplötzlich ist sie dann eine engagierte, extrem kluge Ermittlerin, die als einzige merkt, was an dem Fall alles faul ist. Der Umbruch kam mir zu plötzlich und unmotiviert.
Dafür waren einige Nebenfiguren extrem liebenswert. Mir haben vor allem die 90jährige exaltierte Lady Georgia Gladstone gefallen, die ebenfalls vor Jahren in Kato Kautrafas „gestrandet“ ist und Sofia unter ihre Fittiche nimmt und die für den Fall verantwortliche ermittelnde Chief Inspectorin Charalambous, die Sophia unterstützt und fördert.

Der Fall führt Sofia in alle Ecken der Insel (auch in den türkischen Teil) und lässt sie tief in die Landespolitik und Immobilienspekulationen eintauchen. Sie muss sich gegen autoritäre Vorgesetzte zur Wehr setzen und löst den Fall letztendlich aufgrund ihrer Beziehungen. Dazu kommen private Verwicklungen wegen ihres Freundes Carl und Christos. Ist Sofia am Ende in Kato Kautrafas angekommen? Ich weiß es nicht, aber der nächste Fall wird es vielleicht zeigen.

Bewertung vom 06.01.2019
Unter uns nur Wolken
Pfeffer, Anna

Unter uns nur Wolken


ausgezeichnet

Ich kann mich nicht erinnern

... sagt Florian immer, wenn er wieder etwas angestellt hat und Tom ihn zur Rede stellt. Tom ist sein Enkel und kümmert sich um den an Alzheimer Erkrankten. Aber er schafft es nicht mehr allein, schließlich führt er eine Bar und muss auch irgendwann mal schlafen. Doch jede Pflegerin, die er einstellt, wird von Florian. vergrault
Anis Leben hat sich gerade komplett aufgelöst – ihr Freund verlässt sie für ihre beste Freundin, die Wohnung gehört ihm, Geld hat sie auch fast keins. Sie arbeitet zwar für ein online-Magazin, aber das Gehalt ist extrem mager und wird nur sporadisch gezahlt. Zufällig hört sie, wie sich 2 Frauen an einer Bushaltestelle über eine tolle Wohnung unterhalten - nur der Alte wäre nicht zumutbar.
Tom ist verzweifelt, weil niemand sonst die Stelle will und Ani hat keine Alternative, also versuchen sie es. Florian: „Sie könnte eine Massenmörderin sein, die alte Menschen ersticht.“ Ani: „Richtig, das könnte ich sein.“ Tom: „Vielleicht wünsche ich mir das sogar.“ (S. 30)

Tom und Ani haben mehr gemeinsam, als sie bei ihrer ersten Begegnung ahnen. Beide hatten keine Vorzeigeeltern. Die von Tom waren nur an ihrem Erfolg interessiert und froh, als er mit 4 Jahren von seinen Großeltern Greta und Florian aufgenommen wurde, die ihm ein liebevolles Zuhause boten, und Anis Mutter wurde bisher noch von jedem Mann verlassen. Sie hat sich nie um sie gekümmert, kreist nur um sich selbst und erpresst Ani moralisch.

Greta fehlt Tom und Florian seit ihrem Tod. Sie konnte mit Florians Erkrankung umgehen, hat das Beste in ihm zum Vorschein gebracht. Jetzt ist er starrsinnig, wird schnell wütend und gemein - aber manchmal auch hilflos wie ein kleines Kind. Vor allem Letzteres bricht Tom und bald auch Ani jedes Mal das Herz. Seine Aussetzer kommen immer häufiger, doch Florian will nicht auf Hilfe angewiesen sein – er will Greta zurück. „Manchmal vergesse ich ihr Gesicht. Aber ich habe noch nie das Gefühl vergessen, wie es war, in sie verliebt zu sein.“ (S. 201)
Darum macht er alles, um Ani zu vertreiben. Er ist so richtig fies zu ihr und bringt sie sogar beide in Gefahr: „Ihr Großvater braucht einen Therapeuten. Er ist ein Sadist, der es genießt, andere zu demütigen und ihnen Angst einzujagen.“ (S. 122)

Ich hatte Tom und Ani sofort in mein Herz geschlossen. Tom opfert sich komplett für Florian auf, alles steht hinter dessen Bedürfnissen zurück. Er hat kein eigenes Leben mehr, vernachlässigt seine Freunde und ist in der Bar auf seine Mitarbeiter angewiesen. Er weiß, dass Ani keinerlei Erfahrung in der Pflege hat und gibt ihr trotzdem eine Chance.
Ani ist intelligent und künstlerisch begabt, aber eine gebrochene Persönlichkeit, als sie bei ihnen einzieht. Sie verdrängt ihre Probleme und Gefühle schon ihr ganzes Leben lang. Sie funktioniert. Obwohl Florian sie immer wieder fertig macht, bleibt sie und wird dabei stärker, selbstbewusster, gibt ihm auch mal kontra.

„Unter uns nur Wolken“ ist eine wunderbar berührende Geschichte über das Älterwerden und Vergessen, über (Selbst-)Liebe und Selbsterkenntnis, die ich leider viel zu schnell ausgelesen hatte und die mich sehr nachdenklich zurückgelassen hat.

„Jemanden zu liebe heißt auch, ihn loszulassen, selbst wenn es schwer fällt.“ (S. 277)

Bewertung vom 28.12.2018
Mein Jahr zum Glück
Doyle, Hannah

Mein Jahr zum Glück


ausgezeichnet

Isobels Ja(hr)

„Neuer Anfang, neue Ideen, neue Energie!“ (S. 6) sagt sich Izzi (Isobel) jedes Jahr am 1.1. und macht eine Liste a la Bridget Jones in ihr Notizbuch, was sie in diesem Jahr alles nicht mehr machen will – um dann zu entdecken, dass die Liste fast identisch ist mit der vom letzten Jahr. Als sie das in der Redaktionskonferenz der Frauenzeitschrift erzählt, für die sie arbeitet, kommt ihre Chefin auf die Idee, dass Izzi in diesem Jahr „JA“ statt „NEIN“ sagen wird. Sie bekommt ihre eigene Artikelserie „Isobels Ja(hr)“, für die sie jeden Monat etwas Neues wagen und darüber schreiben muss. Wads das ist, dürfen die Leser entscheiden. Schon die erste Aufgabe „Neues Jahr, neuer Look, neues Leben.“ (S. 53) findet sie nicht wirklich toll - ihre blonde Mähne wird wieder in ihr natürliches „Kupferorange“ umgefärbt und ihr Kleiderschrank wird einem großen „Makeover“ unterzogen. So runderneuert, fällt sie endlich auch dem Bruder ihres Schwagers auf, den sie seit 3 Jahren anhimmelt. Entdeckt er jetzt sein Herz für sie?
Alle 12 Aufgaben bringen Izzi an ihre Grenze: sie muss u.a. live im Fernsehen auftreten, eine Social-Media-Pause machen, sich mit jemandem versöhnen oder ehrlich zu sich selbst / für sich selbst stark sein. Jede Aufgabe bringt sie weiter weg von ihrem alten Selbst zu einer neuen, verbesserten Version. Sie entdeckt völlig neue Seiten an sich und merkt, wo ihre (bisher ungeahnten) Stärken liegen. Am Ende des Jahres hat sich ihr Leben wirklich verändert.

Izzi ist eine sehr sympathische, menschliche Protagonistin, eine Frau mit Fehlern. So vernachlässigt sie z.B. ihre beste Freundin, als sie beruflich durchstartet und lässt sich viel zu oft von ihrer Mutter in ihr (Liebes-)Leben quatschen. Sie beneidet ihre ekelhaft perfekte, gutaussehende Schwester – ohne hinter deren Fassade zu schauen. Izzi hingegen ist mit ihrem Aussehen fast nie zufrieden (welche Frau ist das schon) und sieht Fehler an sich, die sonst niemand entdeckt. Die Herausforderungen öffnen ihr die Augen dafür, wie sie wirklich auf andere wirkt und dass die man die Liebe dort findet, wo man gar nicht sucht.

„Mein Jahr zum Glück“ ist das perfekte Kopfkino - sehr amüsant, überraschend und regt zum Nachdenken über das eigene Leben an. Stellenweise erinnert es an Bridget Jones – aber gerade das hat mir sehr gut gefallen. Ich könnte es mir ebenfalls gut als Film vorstellen.